Das Kunstmärchen Romantik
Die Kunstmärchen haben mit den Volksmärchen vieles gemeinsam: Das Übernatürliche ist hier wie dort normal, Gut und Böse sind meist klar verteilt und eingebettet in eine Art Moral. Aber die Handlung ist nicht geradlinig erzählt, es gibt Nebenhandlungen und Rückblenden; die Sprache ist komplizierter; es finden sich Orts- und Zeitangaben. Auch sind die Figuren komplexer und psychologisiert angelegt. Typisch für die Epoche der Romantik ist die Verwendung des Stilmittels der Ironie. Das hängt mit dem wichtigsten Unterschied zusammen, der die Modernität des Kunstmärchens begründet: Geschildert wird nicht ein geschlossenes Weltbild, sondern eine fragmentarisch erfahrbare, problematische Welt, in der sich ein Subjekt bewegen muss, das sich auch seiner selbst, vor allem der eigenen Wahrnehmung, nicht immer sicher sein kann. Das Wunderbare ist konsequenterweise nicht Bestandteil der Wahrnehmung aller Figuren. Oftmals finden sich zwei Handlungsebenen, die man eher als Wahrnehmungsebenen bezeichnen müsste. Und – ganz wesentlich – es gibt grundsätzlich einen eindeutig identifizierbaren Autor. Anhand der unten aufgeführten Texte, die in jeder Bibliothek vorrätig sein dürften und auch über www.projekt-gutenberg.org kostenfrei zugänglich sind, werden wir uns mit diesen und weiteren Eigenschaften des Kunstmärchens befassen.
